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Esslinger Zeitung - 2008-08-30

Dietholf Zerweck

Geist und Materie

Angela Hewitts Darstellung des „Wohltemperierten Klaviers“ beim Europäischen Musikfest



Beim letzten ihrer vier Abende mit Bachs „Wohltemperiertem Klavier“ beim Europäischen Musikfest wollte das Publikum Angela Hewitt gar nicht mehr von der Bühne lassen. Es war spürbar, wie sehr die Zuhörer nicht allein von der bewundernswerten Interpretationskunst der Pianistin der Pianistin beeindruckt waren, sondern sie ins Herz geschlossen hatten. Denn nach dem misslungenen zweiten Abend und ihren Problemen sowohl mit dem Instrument als auch mit der eigenen Leistungsfähigkeit erlebte man, wie Angela Hewitt im zweiten Band des „Wohltemperierten Klaviers“ Stück für Stück zu einer überzeugend eigenwilligen, manchmal sogar überwältigenden Deutung zurückkam.



Den dritten Abend im Mozartsaal spielte Hewitt, ganz gegen ihr sonstiges Faible für Fazioli, auf einem Steinway. Manches klang dadurch brillanter, bei einigen Präludien und Fugen fehlte dafür etwas an Wärme der Farben, welche die Pianistin an dem italienischen Instrument so schätzt. Doch wann hört man den Beginn des Cis-Dur-Präludiums so traumverloren, wann die cis-Moll-Fuge in einem solch dramatischen Sturm der Gefühle! Welch zeremonielle Heiterkeit im Stück danach, wie grandios erfühlt, durchdacht und expressiv dargestellt die Kontraste von düsterem Ernst der es-Moll-Fuge und heller Freude in E-Dur! Jedes Stück war strukturell klar erfasst, doch begnügt sich Hewitt nicht mit der virtuosen Darstellung von Bachs Polyphonie, sondern versteht Bachs Doppelzyklus vor allem im zweiten Band als Individualisierung barocker Affekte. Ein Stück wie das f-Moll-Präludium, in der Version der Swingle Singers seit Jahrzehnten ein poppiger Ohrwurm, bekommt in der Interpretation von Angela Hewitt eine Melancholie und mechanische Zeithaftigkeit wie von Satie, die Fugen in fis-Moll und b-Moll im letzten Teil von Bachs Klavier-Kosmos werden unter ihren Händen zu Wunderwerken emotionaler Phrasierung.



Hier, am letzten Abend ihres auch sichtbar physisch fordernden Zyklus, hatte Hewitt einen anderen Fazioli zur Verfügung. Die ersten Verzierungen kommen noch etwas stumpf, doch die Fis-Dur-Fuge nimmt sie ganz leicht, entspannt: die Souveränität ist da, nach der mit tänzerischem Drive und leidenschaftlichem Ausdruck ausgeführten g-Moll-Fuge reißt sie die Arme hoch wie nach einem gewonnenen Hürdenlauf – ein Sieg von Geist und Psyche über Notenseiten und Klaviermechanik. Nach der unendlichen Melodie des b-Moll-Präludiums und dem atemberaubenden Kräftespiel von Yin und Yang in der folgenden Fuge, dem Gipfelwerk des Zyklus, sind die beiden Schlusspaare licht und farbig gestaltet: ein munterer Ausklang der vier Bach-Klavierabende Angela Hewitts beim Europäischen Musikfest.



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